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Kafka und Nutella
„Es geht dabei gar nicht darum, ob es möglich sein kann, in einem Käfer verwandelt zu werden. Es geht bei der Verwandlung eher darum, dass sich eine signifikante Person aus der Familie, die vorher das Standbein für das Unternehmen „Familie“ war, auf einmal zur nicht loswerdenden Last des Unternehmens wird“, versuchte der Lehrer auf Cassia einzureden. Cassia war gerade 18 Jahre alt geworden und war mitten in ihrer Abiturzeit. Sie war sehr hübsch und hatte schon in der Kindheit das Verständnis einer Erwachsenen. Damals als sie noch nicht geboren war, hatte ihr Vater Krebs. Als er dann von seiner Frau die Neuigkeit mitbekam, dass sie Schwanger sei, wurde ihr Vater stärker und wollte unbedingt für seine Tochter weiterleben. Nachdem Cassia auf die Welt kam, war er vom Krebs geheilt. So entwickelte sie sich auch zu einem prächtigen Mädchen. Zu prächtig. So wie sie mit ihrer Schönheit Blicke an sich zog, so zog sie durch ihre besondere Geschicklichkeit und Gewandtheit intellektuelle Personen an. Sie bekam, wie jeder andere in ihrer Klasse auch, die Aufgabe von Franz Kafka „Die Verwandlung“ zu lesen und dazugehörig Schularbeiten zu erledigen.
Mit ihrem kritischen Auge sah sie darin eine surreale Gegebenheit und sagte dem Lehrer, nachdem er sie aufforderte ein Statement zu Kafkas Werk zu geben, es sei ein schlechtes Buch. Kafka habe es nicht gut rübergebracht und es sei auch nicht greifbar, dass ein Mensch sich auf einmal in einem Käfer verwandle, einfach so, ohne irgendwie erklärt zu haben, wie er plötzlich so ein Rieseninsekt geworden sei. Die Reaktion des Lehrers war nicht belehrend für sie. ‚Ach, wie dumm die Lehrer sind. Über Nacht kann der Mensch nicht so eine Transformation bekommen, dass sich schlagartig sein Leben verändert’, dachte sich Cassia als sie zuhause war. ‚Was weiß schon dieser Kafka vom Leben? Wie lächerlich das ganze Gerede um ihn ist. Er wollte nicht mal, dass seine Werke veröffentlicht werden und soll heute eines der bedeutendsten Schriftsteller sein? Lächerlich!’. Am Abend nachdem sie sich wie immer die Zähne putzte, überlegte sie noch, sich ihrer kleinen Sünde zu widmen. ‚Morgen früh werde ich ausschlafen und meine Schwester Jessica, wird bestimmt früher aufstehen als ich und den Rest der Nutella weglöffeln. Hmm, sollte ich sie jetzt vorher essen?’, fragte sie sich. ‚Ach, ich lass es dieses Mal darauf ankommen’.
Somit ging sie –nicht wie sonst allabendlich- ohne Nutella gelöffelt zu haben ins Bett.
‚Kafka’, spöttelte sie nochmals gedanklich. ‚Als ob der auch wüsste wie ein Käfer sich fühlt’.
Dieses innere Hohngelächter sollte ihr eine Lehre gewesen sein, denn dadurch machte sie im Umkehrschluss die Erfahrung auf einer Mikroebene den Alltag zu bestehen.
Der nächste Morgen sollte kein Standardprozess sein, da sie nicht wie gewohnt im Bett aufwachte, sondern auf einmal wo ganz anders, nämlich im Nutellaglas, in welchen sie am Vorabend noch Löffeln wollte. Es war vielleicht noch ein Drittel Nutella im Glas. Marienkäfergroß war der Körper von Cassia, als sie bemerkte, wo sie grad das Tageslicht erblickte, das leicht durch den oberen Teil des nicht beklebten Glases durchdrang. Sie bemerkte die cremige Masse unter ihrem Körper. Was einst ein Kindheitswunsch war, war nun der reinste Horror. „Wie komme ich so plötzlich hier rein?“, fragte sie sich. Bemüht versuchte sie aufzustehen, aber ihr gelang es nicht sofort in der süßen buttrigen Masse Halt zu finden. Für einen Moment versuchte sie sich zu beruhigen und geistig für sich die Situation zusammenzufassen. Dann entschloss sie sich die Realität zu überprüfen, indem sie sich hinkniete, mit den Fingern in die Masse reindrückte und sich die Masse in den Mund schob. Es schmeckte zwar nach Nutella, aber viel intensiver, viel nussiger, viel süßer.
Das Kleinwerden bedeutet vielleicht ein Größerwerden der Sinne.
Sie roch auch dran und bemerkte, dass die Geruchsintensität auch deutlich stärker war. ‚Wie komme ich bloß hier raus?’, fragte sich Cassia. Oft fragt sich der Mensch, wie er in seine missliche Lage reinkam, versuchte dann zu überprüfen wie schlimm die Lage ist und wenn ihm nicht gefällt, was er sieht, will er sofort raus, aus der ungemütlichen Zone, obwohl er selbst sich da rein manövriert hat. Nachdem Cassia ein paar Tränen der Verzweiflung goss, spazierte sie ein bisschen in der Nutella rum. Dann fasste sie sich und ging zur Glaswand, wo die Reste klebten. Entschlossen sagte sie sich selbst, dass sie raus klettern werde, griff in die hartgewordenen Reste und fing an zu klettern. Sie bemerkte, als sie hoch genug geklettert war, dass das Glas an der Öffnung abgerundet, aber vor allem durch den Deckel verschlossen war. Die Verzweiflung und der Wille auszubrechen lähmten ihren Geist so sehr, dass sie nicht mehr in der Lage war, logisch zu denken bevor sie einen Entschluss zog. Sie wollte so sehr daraus, dass sie nicht mehr daran denken konnte, wie sie überhaupt rauskommen soll. Dadurch, dass sie einsah vorerst da festzusitzen, wurde sie schwächer und konnte sich kaum noch an den Resten festhalten, was sie letztlich zu stürzen brachte. Weich und unversehrt landete sie wieder auf die süße cremige Nusspaste. Aufstehen war ihr nicht zumute. Sie blieb liegen und weinte. Dabei griff sie ab und zu in die Nutella und schob sich sie in den Mund. ‚Dann werde ich eben so viel Nutella essen, bis ich ersticke’, dachte sich Cassia. Entrissen wurde sie aus der Selbstkasteiung, als sie merkte, dass das Glas sich bewegte. Das Glas wurde in eine senkrechte Lage bewegt, wodurch Cassia sich nicht halten konnte und bis zur Glaswand rollte. Sie sah wie der Deckel aufgedreht und mit plötzlich starkem Lichteinsturz begleitet wurde. Mit zugekniffenen Augen konnte sie sehen wie ein kleiner Löffel, der für sie überdimensional groß war, ins Glas reinkam und die Masse rausgelöffelt wird. Ebenfalls wurde Cassia erfasst, durch den Sog des Löffels.
Alles lief ganz schnell. Sie sah, dass es ihre Schwester Jessica war, die in die Nutella löffelte. Cassia sah ihrem Schicksal ins Auge. In diesem Moment wusste sie, was Kafka vermitteln wollte; was es heißt, sowohl bedeutend zu sein und unerwartet und unvorhergesehen wahrlich machtlos zu werden, als auch jäh in jeder Hinsicht von der Schwester verschlugen zu werden. In ihrem Mund musste sie es ertragen, wie die Nutella auf der Zunge zergeht. Was für sie immer ein Gaumenschmaus war, war nun ihr Tod.
Sie machte ihre Augen auf und bemerkte, dass sie sich in ihrem Zimmer aufhielt. Es war nur ein Traum, der sich sehr real anfühlte. ‚Musste ich erst klein wie ein Käfer werden, um Kafka zu verstehen?’, fragte sie sich und resignierte in ihrem jugendlichen intellektuellen Übermut.
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